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8 Das HAdeszimmer

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Obwohl Orla in den ersten zwei Wochen auf Thornwood viel herumgekommen war, jeden Tag neue Leute getroffen und neue Orte entdeckt hatte, fiel die Ausbeute an brauchbaren Informationen über die Kingsleys enttäuschend aus. Bis auf den unfertigen Grundriss des Hauses und die Erkenntnis, dass ihr nicht nur die Überwachungskameras und ein Sicherheitsschloss, sondern auch ein bulliger Wachmann im Weg standen, wenn sie in das Büro von Cyrus Kingsley gelangen wollte, hatte sie kaum etwas Spannendes erfahren. Von seiner Mutter Lucinda hatte sie bisher nicht einmal einen Schatten gesehen. Und solange sie fürchten musste, dass der Pager an ihrem Handgelenk ihre Wege per GPS überwachte, würde sich das auch nicht ändern. 

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7 Die Ordnung der Dinge

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»Es gibt zwei Möglichkeiten.« Cyrus ließ die Tür ins Schloss fallen, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und umkreiste seine in Ungnade gefallenen Männer mit bedächtigen Schritten. »Entweder ihr wart so dämlich, euch von eurem Kameraden hinters Licht führen zu lassen oder ihr wart so dämlich, gemeinsame Sache mit ihm zu machen.« Er blieb stehen und musterte die beiden von oben bis unten. In die Stille mischte sich ein hölzernes Knarren – ein Stakkato, das er zunächst nicht zuordnen konnte. Doch dann sah er es. Dem Größeren zitterten die Knie derart unkontrolliert, dass sich das Zittern auf die Dielen übertrug. 

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6 Thornwood

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Der Wachmann am Einlass von Thornwood begrüßte Orla mit dem Charme eines stümperhaft programmierten Serviceroboters, dessen Sprachmodul im Laufe der Jahre eingerostet war. Nachdem er das Einstellungsschreiben ihres zukünftigen Arbeitgebergebers auf Echtheit geprüft hatte, forderte er sie in ruppigem Ton auf, ihren Koffer auf den Tresen des Pförtnerhäuschens zu stellen und zu öffnen. Vermutlich war er verärgert, dass sie ihn bei seinem Frühstück gestört hatte – der frische Mayonnaise-Fleck auf seinem Uniformkragen und die Weißbrot-Krümel, die von seinem Hemd rieselten, als er sich vorbeugte, legten diesen Verdacht zumindest nah. Vielleicht war er auch einfach übernächtigt. Das erzählten ihr zumindest sein glasiger Blick und seine geröteten Augen. 

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5 Neue Wege

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»Wie ist es gelaufen?« Doyle sah hinter seinem Computer auf. »Was hat der Chief gesagt?« 

»Ich bin dabei«, sagte Orla mit einem Gefühl im Bauch, als hätte sie einen dieser Casting-Vorentscheide im Fernsehen gewonnen – irgendwo zwischen Freude, weil man die erste Hürde genommen hatte und Nervosität, weil es jetzt erst richtig losging.

»Großartig! Willkommen an Bord, Agent Mayfield«, sagte Doyle und griff nach seinem Telefon. »Dann werde ich mal unser Team zusammentrommeln.«

»Warte!« Bevor er eine Nummer wählen konnte, legte Orla ihre Hand auf seine. »Verrätst du mir erst, worum es eigentlich geht?«

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4 Gekommen, um zu bleiben

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»Bei den Blumen für die Tischdeko dachte ich an üppige Bouquets aus Hortensien in einem dunklen Purpur, weiß-violetten Lisianthus und Rosen …«

»Keine Rosen!« Die Vehemenz, mit der Lucinda Kingsleys Stimme durch den Grünen Salon hallte, ließ ihren Eventplaner erstarren.

»Keine Rosen«, wiederholte Percy brav, während er sich eine Notiz in seinem Tablet machte und sie rot markierte.

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3 Ode an die Freundschaft

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»Ich verstehe nach wie vor nicht, wo das Gift hergekommen ist. Mason ist doch beim Eintreffen gefilzt worden.« Orla lehnte am Bartisch, das Kinn auf ihre Hand gestützt. »Vielleicht hat er die Kapsel im Schuh versteckt. So etwas wird schnell übersehen.« Nachdenklich nahm sie einen Schluck aus ihrer Flasche. »Aber warum sollte Mason Gift mit sich führen? Das ergibt doch gar keinen Sinn.« Beim Anblick der Feierfreudigen bereute sie zum wiederholten Male ihre Entscheidung, sich von Doyle hierher schleifen zu lassen. Wie sollte man bei dem Lärm ein Gespräch führen? »Außerdem hatte ich nicht den Eindruck, dass er lebensmüde war«, sagte sie – mehr zu sich als zu ihrem Begleiter. »Im Gegenteil – er hatte eine Heidenangst davor, dass Grogon ihm etwas antut. Das alles passt überhaupt nicht zusammen.«

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2 Hildesheimer

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»Passt doch auf!« Der Blick, den Lucinda Kingsley ihren Zofen durch den Spiegel zuwarf, ließ die beiden ängstlich zurückweichen. Da die Mädchen regelmäßig beim Ankleiden halfen, hatte die Hausherrin keine andere Wahl, als die viel zu eng geschnürte Korsage als böse Absicht zu verstehen. Genervt fuchtelte sie mit den Händen und scheuchte ihre Zofen aus dem Zimmer. Welch Glück für die beiden, dass Gewitterstürme gerade nicht ins Zeitfenster passten. Zwischen Tür und Angel verhallte das Donnern viel zu schnell und ohne das genussvolle Auskosten des Moments waren solche Strafpredigten nur halb so befriedigend. 

Unzufrieden betrachtete sie das Ergebnis der fast einstündigen Prozedur im Spiegel.

Etwas fehlte. 

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1 Kinder der Sonne

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Ein Blick in den Spiegel offenbarte die Spuren der letzten Nacht. Im grellen Licht der Neonröhren wirkte die Platzwunde auf Orlas Stirn wie ein schlecht geschminkter Halloween-Scherz. Der Sanitäter hatte den Riss in der Haut nur notdürftig verarztet und nun hielt ein dumpfes Pochen die Erinnerungen an das Geschehene lebendig. Vergeblich versuchte Orla, das verkrustete Blut mit einem Taschentuch von ihrer Augenbraue zu tupfen.

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