Die restlichen Scherben waren schnell aufgesammelt. Orla beseitigte die Flecken, wischte den Boden noch einmal nach und huschte ebenso leise aus der Küche, wie sie gekommen war. Zu ihrem Glück war insgesamt zu viel zu tun und Percy offenbar zu verhasst beim Personal, als dass sich irgendjemand die Zeit genommen hätte, Fragen zu stellen. Ihr tat das Durcheinander leid, das ihretwegen ausgebrochen war, doch wenn sie in den vergangenen Jahren bei der APA eines gelernt hatte, dann, dass man sich manchmal ungebremst in die Kurve legen musste, um voranzukommen. Rücksicht auf andere und Angst vor eventuellen Querschlägern waren da nur hinderlich. Solange niemand ernsthaft zu Schaden kam – und davon war bei aller Abneigung im Falle von Percy nun wirklich nicht auszugehen – heiligte der Zweck stets die Mittel.
Auf dem Weg zurück zum großen Saal kam Orla im Kellergeschoss an den Toiletten für das Personal vorbei. Sie blickte auf die Uhr und entschied sich, ein paar Minuten zu riskieren, um ihre Neugier zu stillen. Sie schloss sie sich in einer der Kabinen ein, nahm das Lesegerät aus ihrer Tasche und drückte seitlich auf den winzigen Knopf. Als die gestohlenen Daten vor ihr in die Luft projiziert wurden, konnte sie sich ein kleines Jauchzen nicht verkneifen. Trotz der kurzen Zeit für die Übertragung schien die Aktion erfolgreich verlaufen zu sein. Allein die Menge an Informationen versprach einiges an Erkenntnissen. Orla skippte durch den oberflächlichen Datenmüll zu Lieferanten, Menüplanungen und Moodboards, bis sie die Gästeliste fand.
In blau-leuchtender Schrift tauchten zahlreiche bekannte und weniger bekannte Namen vor ihr auf. Selbst die dazu gehörigen Adressen waren einsehbar. Direkte Kontakte in Ermittlungskreise konnte Orla auf die Schnelle zwar nicht entdecken, doch dafür erkannte sie den Namen eines Zeitungsverlegers, der vor einigen Jahren wegen Erpressung vor Gericht gelandet war, eines berüchtigten Bauunternehmers, der Korruptionsskandale sammelte wie andere Sportabzeichen, eines selbst ernannten Start-Up-Gurus mit Senatoren-Ambitionen und eines Ölmagnaten, der als leidenschaftlicher Großwildjäger regelmäßig die Welt bereiste, um Bedrohte-Arten-Bingo zu spielen.
Wer die anderen auf der Liste waren und was der Sitzplan eventuell über gemeinsame Interessen verriet, würde sie in Ruhe prüfen müssen. Das bisher bekannte who-is-who der Niederträchtigkeit ließ jedoch ein erstes Charakterbild der Feiernden erahnen. Von Interesse würde sicher auch der Chatverlauf zwischen dem Partyplaner und Lucinda Kingsley sein, denn der Ton der Nachrichten versprach tiefe Einblicke in das Seelenleben einer privilegierten Egomanin. Der Chatroman der etwas anderen Art musste allerdings genauso warten wie die Auswertung der Finanztransaktionen, die Percy in den letzten Wochen und Monaten über das Tablet getätigt hatte.
Wichtiger war es, sich in der nächsten Stunde wieder bei den fleißigen Ameisen einzureihen und Betriebsamkeit vorzutäuschen, damit niemand Verdacht schöpfen würde. Erst danach würde sie sich in ihr zweites Abenteuer stürzen und sich abseits der Feiernden in die Bibliothek schleichen können.
Orla steckte den Datenleser zurück in die Schürzentasche. Wenn der Abend genauso erfolgreich endete, wie er angefangen hatte, würde sie Doyle und der APA endlich ein hübsch geschnürtes Infopaket liefern können – mit besten Grüßen aus der Schlangengrube.