5 Neue Wege

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»Wie bitte?« Alyson sah sie irritiert an und auch die anderen drehten sich zu ihr.

Orla stand auf und lief zum Bildschirm. Sie deutete auf das Handgelenk von Hildesheimer auf dem Firmenfoto. »Er trägt seine Uhr am rechten Handgelenk – richtig? Er ist also vermutlich Linkshänder.« Sie wechselte zum Bild im Zeitungsartikel. »Dieser Mann hier unterschreibt den Vertrag aber mit rechts.«

»Wieso ist uns das nicht aufgefallen?«, fragte Doyle in die Runde.

»Vielleicht wurde das Foto gespiegelt«, sagte Garrett. »Das lässt sich leicht rausfinden, wenn wir die Originale anfordern.«

»Ich gebe zu, es ist noch kein konkreter Beweis für irgendetwas«, sagte Orla. »Aber es reicht meiner Meinung nach, um die These aufzustellen, dass er schon viel früher verschwunden sein könnte und nicht erst bei diesem Segeltörn.«

»Und, dass vielleicht ein Doppelgänger seinen Platz eingenommen hat«, ergänzte Doyle.

»Danke, Agent Mayfield.« Blakes monotone Stimme irritierte Orla. »Ein wichtiger Hinweis.« 

Sie hatte keine Beifallsstürme erwartet, aber dass er diese neuen Erkenntnisse so uninteressiert wegwischte, wunderte sie. Verunsichert setzte sie sich wieder auf ihren Platz.

Alyson brauchte einen Moment, um zurück in ihre Präsentation zu finden. »Kommen wir nun zur Brisanz des Falles.« Sie schaute zur Tür des Konferenzraumes, als fürchtete sie unerwünschte Besucher. »Die einflussreichen Kontakte der Familie. Lucinda Kingsley lädt gerne zu Empfängen, Bällen oder Teekränzchen. Wir gehen davon aus, dass auf der Gästeliste auch regelmäßig Namen von Politikern und anderen wichtigen Entscheidungsträgern auftauchen. In den letzten Jahren haben die Kingsleys sich in dieser Hinsicht ein solides Netzwerk aufgebaut. Je nachdem, was wir ausgraben, könnte es ungemütlich für uns werden.«

»Wir müssen äußerst diskret vorgehen, bevor wir den falschen Leuten auf die Füße treten«, sagte Blake.

»Und da kommst du ins Spiel.« Doyle lächelte ihr zu. »Wir brauchen jemanden vor Ort, der Augen und Ohren offen hält. Jemand, der uns sagt, wer dort ein- und ausgeht. Wen die Familie auf ihrer Seite hat.«

»Wir brauchen Namen«, ergänzte Blake. »Bevor wir ins Wespennest stechen, müssen wir gut vorbereitet sein, damit es keine bösen Überraschungen gibt, wenn wir unsere Ergebnisse vorlegen.«

»Was glauben Sie, wie weit die Verstrickungen reichen?«, fragte Orla.

»Schwer zu sagen.« Blake drehte seinen Ehering hin und her, während er redete. »Aber ich würde nicht ausschließen, dass die Familie sogar im Kongress Einfluss hat.«

»Vor einigen Wochen waren wir kurz vor einem Durchbruch«, sagte Alyson. »Wir hatten jemanden aufgetrieben, der uns über den Verbleib von Julia Bennett aufklären wollte. Doch dann verschwand auch dieser Zeuge spurlos. Gleichzeitig bekamen wir Druck von oben. Die Mittel wurden gekürzt und man setzte uns eine Deadline. Es war fast so, als wollte man uns scheitern sehen.«

»Glaubt ihr, dass jemand beim FBI seine Finger im Spiel hat?« Orlas Blick wanderte in die Runde.

»Auszuschließen ist es nicht«, antwortete Doyle. »Deshalb muss alles, was wir herausfinden, erst mal unter uns bleiben, bis wir wissen, wem wir vertrauen können.«

»Was ist mit dem Chief?«, fragte Orla.

»Der steht hinter uns. Er hat wohl noch eine offene Rechnung mit den Kingsleys.« Agent Blake beließ es bei dieser Andeutung und bat Alyson, die Präsentation fortzusetzen. Orla hatte den kurzen Impuls, nachzuhaken. Wenn die Kingsleys in der Lage waren, jeden – egal in welcher Position – zu korrumpieren, war es dann klug, den Chief so einfach von der Liste zu streichen? Nur weil er behauptete, auf Kriegsfuß mit ihnen zu stehen? 

Als ihr jedoch klar wurde, dass ihr solche Fragen nach den Querelen mit dem Chief gerade nicht gut zu Gesicht standen, verkniff sie sich ihre Bemerkung und konzentrierte sich auf die Präsentation.

»Wir haben bisher versucht, auf die altmodische Weise an Informationen über die Kingsleys heranzukommen«, sagte Alyson. »Zeugenbefragungen, Dokumentenrecherche, kleinere Überwachungen. Besonders nah sind wir damit aber nicht an sie herangekommen. Deshalb brauchen wir jemanden wie dich, die sich direkt in die Schlangengrube wagt.«

Alyson tauschte die Fotos auf dem Bildschirm gegen das eines imposanten Herrenhauses im altenglischen Stil aus.

»Ist das ein Schloss?« Spöttisch verzog Orla das Gesicht, als sie das aus der Zeit gefallene Herrenhaus sah.

»Willkommen auf Thornwood – dem Familiensitz der Kingsleys. Newport, Rhode Island, keine zwei Stunden von hier.«

»Der Name Kingsley ist offenbar Programm«, sagte Orla und rollte mit den Augen. Es hatte etwas von billigem Las Vegas Kitsch, sich solch einen Palast in die amerikanische Provinz zimmern zu lassen. Vom Größenwahn mal ganz zu schweigen.

»Das Haus befindet sich seit jeher in Familienbesitz«, sagte Alyson. »Es gibt keine Baupläne oder andere Aufzeichnungen über die Räumlichkeiten, das heißt, wir haben keine Ahnung, wie es hinter diesen Mauern aussieht. Wir wissen nur, dass sowohl Lucinda Kingsley als auch ihr Sohn den Großteil ihrer Zeit dort verbringen, und wir vermuten, dass wir dort auch unsere Antworten finden.«

»Ich soll also da rein und die Leichen aus dem modrigen Keller der Herrschaften holen.«

»So könnte man es sagen.« Alyson nickte. »Aber jetzt kommen wir zum kniffligen Teil. Thornwood ist extrem gut nach außen abgeschirmt. Hohe Mauern, Security an allen Ecken, Lieferanten und andere Gäste werden strengstens überwacht.«

»Ich hab mir schon gedacht, dass es kein Spaziergang wird.« Orla tippte mit dem Ende ihres Stiftes auf dem Tisch herum. Sie würden eine ausgefeilte Strategie brauchen, um den engeren Kreis der Kingsleys zu unterwandern. Vielleicht könnte man sie mit einem guten Businessdeal ködern. Mit einer Schein-Firma die richtigen Anreize für eine Zusammenarbeit schaffen, Vertrauen aufbauen, unentbehrlich für die Familie werden. Genau der richtige Job für sie.

»Auch was ihr Personal betrifft, sind die Kingsleys sehr vorsichtig«, sagte Alyson. »Dich dort einzuschleusen wird nicht einfach. Aber mit den richtigen Kontakten …«

Sie reichte Orla einen Hefter. Als sie ihn aufschlug und die Informationen zu ihrer neuen Identität überflog, musste sie die Worte mehrmals lesen, um sie zu verstehen.

»Hausmädchen?« Verwundert schaute sie in die Runde.

»Du wohnst auf dem Gelände zusammen mit den anderen Angestellten«, erklärte Alyson. »So hast du eine gute Ausgangsposition, um dich unauffällig umzusehen.«

»Ich soll die Putzfrau für diese Leute spielen?«

»Was genau Ihre Aufgaben sein werden, wird sich vor Ort zeigen, Agent Mayfield«, sagte Blake. »Fakt ist: Wir brauchen jemanden, der sich unauffällig von A nach B bewegen kann, die Gegend auskundschaftet und Notizen zu den Personen macht, die dort ein- und ausgehen.«

»Wäre es nicht effektiver, sich direkt auf die Kingsleys zu konzentrieren? Wenn ich ihnen auf Augenhöhe begegne, kann ich viel eher herausfinden …«

»Bei Paraviduals dieser Sorte gibt es keine Augenhöhe«, unterbrach Blake sie. »Sie würden dort keine Minute bestehen.«

»Aber ich …«

Agent Blakes Blick ließ Orla verstummen.

»Wir brauchen Ihre Augen und Ihre Ohren«, sagte er. »Ihre Stimme lassen Sie zu Hause. Ich habe wenig Lust, Ihren Namen auf die Liste der Vermissten zu setzen. Sie halten sich möglichst von den Kingsleys fern.«

»Jawohl, Sir.« Orla schluckte die Reste ihres Widerspruchs hinunter. 

»Ihr Einsatz beschränkt sich auf zwei Punkte: das Haus unauffällig auskundschaften und gegebenenfalls verwanzen.« Er deutete auf Jones und Garrett. »Finden Sie die Räume, die für uns von Interesse sein könnten, und sorgen Sie dafür, dass wir Zugang bekommen. Die Jungs werden Ihnen alles Nötige über Ihren Kontaktmann zukommen lassen.«

Doyle hob den Finger und zeigte auf sich.

»Des Weiteren werden Sie ein besonderes Auge auf die Gäste des Hauses haben«, fuhr Blake fort. »Da die für gewöhnlich nicht mit Namensschildern herumlaufen, wird es sicher eine Hausforderung, ihre Identitäten festzustellen.«

»Keine Sorge.« Garrett hob die Hand wie zur Meldung. »Wir haben dir etwas Nettes gebastelt. Damit kannst du versuchen, heimlich Fotos zu schießen. Den Rest erledigt unsere Gesichtserkennung.«

»Halten Sie ihren Kopf unten, bleiben Sie unsichtbar und wir bekommen unser Happy End.«

»Soweit wir wissen, wird in ein paar Wochen eines dieser berüchtigten Feste stattfinden«, sagte Alyson. »Wenn du irgendwie an die Gästeliste kommst, wäre das schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung.«

»Verstanden.« Orla seufzte leise und knickte mit den Fingern die Ecke des Hefters um.

»Gibt es ein Problem?«, hörte sie Agent Blakes Stimme im Ton eines Feldwebels.

»Nein, Sir.« Sie ließ ihre Finger vom Hefter und fuhr wie zur Entschuldigung mit der Hand über den Knick. »Es ist nur.« Skeptisch blickte sie in die Runde. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Richtige für diesen Job bin.«

»Wenn ich daran zweifeln würde, säßen Sie nicht hier, Agent Mayfield. Ich habe mir schon was dabei gedacht, als ich Sie auswählte. Ich kenne Ihre Personalakte. Ich kenne ihre vorangegangenen Fälle. Sie bringen alles mit, was man für diese Art von Operation braucht.«

Genau das war der Punkt. Warum sah er nicht, dass sie noch viel mehr mitbrachte? Warum hatte er sich eine derart passive Rolle für sie überlegt? 

Sie fing Doyles Blick auf und etwas darin verriet ihr, dass sie ihre Einwände lieber für sich behalten sollte.

»Trauen Sie sich den Job zu oder nicht?«, fragte Blake mit ungeduldigem Ton.

Orla setzte ein freundliches Lächeln auf. Sie war nicht diejenige, die sich in diesem Fall zu wenig zutraute. »Selbstverständlich, Sir.« 

»Das wollte ich hören.« Zufrieden lehnte Blake sich zurück und übergab das Wort erneut an Alyson, die begann, den allgemeinen Zeitplan zu erläutern. Orlas Blick blieb auf Agent Blake gerichtet.    

Die einzige Qualifikation, die sie in seinen Augen mitbrachte, war also, dass sie nicht auffiel? Ob es dazu bereits einen lobenden Vermerk in ihrer Personalakte gab?

»Ich hab dir alles zusammengestellt, was wir bisher recherchiert haben«, sagte Alyson und holte sie aus ihren Gedanken. »Du hast zwei Wochen Zeit, dich in den Fall und deine neue Identität einzuarbeiten.«

»Alles klar.« Orla war etwas überfordert von der Fülle der Informationen, die auf sie einprasselten. Während Jones und Garrett aufgeregt von all den Spielzeugen erzählten, die sie für Orla bereithielten, falls sie Sicherheitscodes knacken, Informationen entschlüsseln oder Spuren verwischen musste, hallten in ihrem Kopf Blakes Worte.

»Du bekommst außerdem einen speziellen Notknopf«, sagte Garrett. »In Form eines kleinen Schmuck-Anhängers.«

»Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich den brauchen werde?«, fragte Orla.

»Wenn Sie sich an den Plan halten und im Hintergrund bleiben, wird Ihnen auch nichts passieren« Blakes Blick schien sie nur flüchtig zu streifen, doch er war eindringlich genug, um zu signalisieren, dass dies nicht als beruhigendes Alles-wird-gut-Mantra zu verstehen war, sondern als Warnung, ihn nicht zu enttäuschen.

 »Es wäre ein großer Fehler, die Kingsleys zu unterschätzen«, sagte Alyson. »Wir reden hier immerhin von einem Bedrohungsfaktor von mindestens acht. Wir können die Bandbreite ihrer Fähigkeiten nur anhand von unvollständigen Aufzeichnungen aus dem Archiv einschätzen, doch was man da liest, zeigt eine ernst zu nehmende Gefahr für Leib und Leben.«

»Und der Sohn?«, fragte Orla.

»Da Aamon definitiv eine Kategorie zehn war, musst du dich auf das Schlimmste gefasst machen«, sagte Alyson. »Paranormale Fähigkeiten potenzieren sich bekanntermaßen über die Generationen hinweg, weshalb wir davon ausgehen müssen, dass beide Söhne die geballte Boshaftigkeit ihrer Eltern in sich tragen. Wir reden hier also von einem THREAT-Faktor von mindestens neun, wenn nicht noch schlimmer.«

»Sie sollten sie also auf keinen Fall reizen.« Agent Blakes Worte verhallte im Raum, denn Orla hatte ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet. 

»Halt, warte, sagtest du gerade Söhne? Mehrzahl? Es gibt mehr als einen?«