7 Die Ordnung der Dinge

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Seitdem Madame Mildred sie in der Schatzkammer zurückgelassen hatte, mit dem Auftrag, sich aus den Regalen alle notwendigen Utensilien für ihre erste Schicht zusammenzusuchen, fragte sich Orla, ob es sich um einen Test handelte. Das Übermaß an Putzmitteln und Gerätschaften, die sich hier stapelten, überforderte sie. Welche Wisch-Waffe sollte sie wählen? Welche Konsequenzen hätte der falsche Bodenreiniger oder ein fehlender Staubwedel?     

Während sie die Regale ablief und wahllos ihren Korb mit Dingen füllte, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, hörte sie Madame Mildred nebenan telefonieren. Es war nur ein kurzer Anruf und im nächsten Moment steckte die Hausdame auch schon ihren Kopf zur Tür herein. In der Hand hielt sie etwas, das wie ein Computertablet aussah. 

»Hätten Sie etwas dagegen, früher anzufangen?« Was wie eine Frage klang, war selbstverständlich keine. »Ich hätte da einen Auftrag für Sie, der sofort erledigt werden müsste.« 

Orla schnappte sich ein paar Mülltüten für ihr Korb-Ensemble, bevor sie Madame Mildred hinaus folgte. In Gedanken war die Hausdame offenbar schon beim nächsten Problem, denn während sie den Flur entlangliefen, tippte sie hektisch wie ein Teenager kurz vor dem Highscore auf ihrem Tablet herum. Der Gedanke, dass sie nebenbei heimlicher Computerspiele-Profi war, amüsierte Orla. Sie begriff langsam, warum das sogenannte Büro so aussah, wie es aussah. Als jemand, der ständig auf dem Sprung war, hatte Madame Mildred keine Verwendung dafür. Alles Notwendige hatte sie stets dabei. Die Strippen wurden von unterwegs gezogen.

»Da wären wir«, verkündete die Hausdame, nachdem sie die ein weiteres Labyrinth aus Türen, Fluren und Treppen absolviert hatten.

Als Orla realisierte, vor wessen Tür sie stehen geblieben waren, hielt sie überrascht den Atem an. 

»Bevor wir hineingehen, möchte ich sie noch einmal daran erinnern, dass Sie in Gegenwart der Herrschaften nur reden, wenn Sie etwas gefragt werden«, sagte Madame Mildred. »Master Kingsley mag es gar nicht, mit unnötigem Geschwätz belästigt zu werden.«

»Natürlich, Ma’am.« Orla nickte, hatte jedoch nur Augen für die Sicherheitsvorrichtung neben der Tür. Dem Anschein nach brauchte man sowohl einen PIN-Code als auch einen Fingerabdruck, um Zutritt zu bekommen. Man konnte natürlich auch anklopfen, wie Madame Mildred es gerade tat. Aus naheliegenden Gründen fiel diese Option für Orla jedoch aus, auch wenn sie der Gedanke amüsierte, einfach mal ganz unverfänglich beim Hauptverdächtigen hereinzuschneien und nachzufragen, ob es denn irgendwelche Beweise gäbe, die ihn belasten könnten. 

Mit prüfendem Blick suchte sie die Wände nach Kameras ab und entdeckte eine über der Tür und eine auf der gegenüberliegenden Seite. Wer sichergehen wollte, dass die Leichen auch im Keller blieben, brauchte eben mehr als zwei wachsame Augen. Während Madame Mildred ein zweites Mal klopfte, überlegte Orla, was notwendig sein würde, um sich unbemerkt Zugang zur Cyrus Kingsleys Festung zu verschaffen.  

Denkbar war eine Overlay-Attrappe, die sie heimlich auf dem Tastenfeld anbringen konnte, um den Zahlencode abzufangen. So etwas war bereits in anderen APA-Fällen erfolgreich zum Einsatz gekommen. Die Überwachungskameras mussten angezapft und mit einer manipulierten Dauerschleife überschrieben werden. Auch das würde kaum Probleme bereiten. Doch die größte Herausforderung stellte der Fingerscan zur Authentifizierung dar. Es war weder klar, welchen seiner Finger Cyrus für den Scan benutzte, noch wie sie diesen Abdruck simulieren konnte. Den meisten Leuten fiel es schließlich auf, wenn ihnen ein Finger fehlte. 

»Wissen Sie, Miss Davis«, hörte sie Madame Mildred im Takt des dritten Klopfversuchs sagen. »Es gibt einen Leitsatz in der Belegschaft. Wir sind wie Luft …«

»… nicht zu sehen, aber unverzichtbar«, sagte Orla und realisierte zu spät, dass sie ihrer Chefin damit über den Mund gefahren war. Den verwunderten Blick der Hausdame beantwortete sie mit einem entschuldigenden Lächeln. »Nell hat mich bereits eingeweiht.«

»Sehr gut. Das freut mich.« Madame Mildred musterte sie länger als ihr lieb war. »Dennoch sollten Sie zukünftig darauf achten, Ihrem Gegenüber nicht ins Wort zu fallen.«

»Ja wohl, Ma’am«, sagte Orla. »Entschuldigen Sie, das war äußerst unhöflich von mir.«

»Langsam frage ich mich, wie sie zu einem so tadellosen Zeugnis gekommen sind. Man könnte meinen, Sie hätten noch nie in der Hauswirtschaft gearbeitet.«

Ehe Orla etwas erwidern konnte, hatte Madame Mildred sich den Zutritt zum Büro selbst genehmigt und war eingetreten. »Verzeihen Sie die Störung, Master Cyrus«, sagte sie. »Ihre Mutter hat uns gerufen.«

Cyrus saß abgewandt mit Blick aus dem Fenster in seinem Bürostuhl und telefonierte. Zunächst sah Orla nur seinen lockigen Hinterkopf, doch dann drehte er sich zu ihnen und wedelte hektisch mit der Hand, so als wolle er Fliegen verscheuchen. »Es ist mir herzlich egal, wie du das anstellst«, brüllte er in sein Telefon. »Kümmere dich gefälligst darum.«

Er warf sein Handy auf den Schreibtisch und sah sie verärgert an. »Was soll das?«

»Ihre Mutter schickt uns, Master Cyrus.« 

»Um was zu tun?«

»Es gibt wohl ein Problem mit dem Teppich?«

Orla sah auf den Boden und erblickte einen Haufen Asche. Sie dachte an den Schrei, an die entsetzten Gesichter der beiden Männer und den schwelenden Geruch. Etwas davon hing noch immer in der Luft. Ihr Blick ging zu Cyrus, der unbeeindruckt Dokumente sortierte, als wäre es ein Bürotag wie jeder andere. 

»Tun Sie, was Sie tun müssen«, murmelte er.

Sein Gesicht wirkte noch kantiger als auf den Fotos, die Nase viel spitzer, das Kinn ungewöhnlich eckig. Orla fielen die ausgeprägten Kiefermuskeln auf, die bedrohlich hervortraten, während er sich eine Notiz durchlas. Ihm schien nicht zu gefallen, was er da vor sich hatte.     

Unbeeindruckt von seiner Laune machte Madame Mildred sich an die Arbeit. Sie öffnete die Fenster und deutete ihrer Untergebenen, sich um die Asche auf dem Teppich zu kümmern. 

In Ermangelung einer Kehrschaufel nahm Orla kurzerhand das Kaminbesteck zur Hilfe und fegte den Haufen zusammen. Es kostete sie einige Mühe, die Hintergründe dieser Aktion auszublenden. Madame Mildred schien es nicht zu wundern, dass Cyrus mitten am Tag ein Feuer gemacht und seinen Teppich anstelle des Kamins dafür genutzt hatte. Vermutlich war es nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam. 

Während Orla die Asche in einen der mitgebrachten Müllbeutel füllte, überlegte sie, ob es sinnvoll war, dem APA-Labor einen Teil der Überreste zukommen zu lassen. Mithilfe eines Massenspektrometers würde man zumindest herausfinden können, ob hier ein Mensch oder ein Dämon sein Ende gefunden hatte. Letzteres fiel nicht in die Zuständigkeit der APA. Was Dämonen untereinander trieben und wie sie die Dinge regelten, interessierte die Behörde nicht. Sollte sich jedoch herausstellen, dass ein Mensch zu Schaden gekommen war, sähe die Sache schon anders aus.    

Unter den Resten der Asche bemerkte Orla etwas, das aussah wie ein Schuhabdruck. Mit dem Finger fuhr sie über die verkrustete Stelle, zupfte einige Partikel heraus und betrachtete sie genauer. Die Gummisohlen des Opfers waren offenbar mit den Fasern des Teppichs verschmolzen. Die Umrisse hatten sich wie ein Schandmal eingebrannt.

Orlas Blick wanderte von Cyrus zu Madame Mildred. »Entschuldigung.« Sie räusperte sich – wohlwissend, dass sie mit der Wortmeldung Ärger riskieren würde – und zeigte auf den Brandfleck. »Das dürfte nicht so ohne weiteres aus dem Teppich gehen.« 

Es war Cyrus deutlich anzusehen, dass seine Bereitschaft, sich nur eine Minute länger mit dem Thema zu beschäftigen, im Minusbereich lag. Er schnaufte verächtlich und seine Augenbrauen zogen sich zu einer imposanten Zornesfalte zusammen. »Schmeißen Sie das Ding raus«, murmelte er und kramte in der Schublade seines Schreibtisches. »Es hat mir sowieso nicht gefallen.« 

Er notierte sich etwas auf einem Stück Papier und Orla bemerkte, dass er dies mit der rechten Hand tat. Sofort speicherte sie die Info mit einem Ausrufezeichen ab. Die Fingerauswahl für den Türscan war soeben von zehn auf fünf geschrumpft.       

»Sind Sie sicher, Sir?«, fragte Madame Mildred. »Wir müssten alle Möbel verrücken, um an den Teppich zu kommen. Das dürfte eine Weile dauern. Ich werde mehr Personal brauchen.«

»Tun Sie, was nötig ist, Mildred.« Cyrus steckte sich die Notiz in die Hosentasche, nahm sein Telefon zur Hand und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Als er an Orla vorbei Richtung Tür lief, nahm sie eine aufdringliche Note Patschuli und Zedernholz wahr. Sie hatte nie verstanden, worin der Reiz bestand, so zu riechen, als hätte man sich mit Möbelpolitur eingecremt. 

Er wirkte kleiner als erwartet, doch er hatte etwas an sich, das sie erschaudern ließ. Etwas, über das weder der maßgeschneiderte Anzug noch die perfekte Rasur hinwegtäuschen konnte. Es war, als loderte eine Finsternis in ihm, die nur darauf wartete, beim nichtigsten Anlass auszubrechen und alles um sich herum zu verschlingen. 

»Ich bin die nächsten Stunden außer Haus.« Cyrus sah sich suchend um und lief zurück, um seinen Laptop zu holen. »Wenn ich wieder da bin, ist das hässliche Ding weg.«

»Soll ich für Ersatz sorgen?«, fragte Madame Mildred.

»Meinetwegen.«

»Irgendwelche Wünsche?“

»Überraschen Sie mich.«  

Sobald die Tür zufiel, überlegte Orla, welche Möglichkeiten es gab, Madame Mildred ebenfalls loszuwerden, um sich ungestört umsehen zu können. Sie ärgerte sich, dass sie sämtliche APA-Tools im Zimmer gelassen hatte. Die Gelegenheit, eine Wanze direkt im Auge des Sturms zu platzieren, würde nicht so schnell wiederkommen. Aber wie hätte sie ahnen können, dass sie gleich am ersten Tag ins Ermittlerglück stolpern würde? 

Ihre Hoffnung, wenigstens einen Moment ungestört zu sein und zwischen Bücherregal und Schreibtischschubladen die ein oder andere Information einzusammeln, wurde jäh zerstört, als drei Zimmermädchen zur Tür hereinkamen und sich zum Dienst meldeten. 

Orlas Seufzen ging im allgemeinen Trubel der Aufräumaktion unter. Den großen Fisch würde sie heute nicht an Land ziehen. Was blieb, war die Gelegenheit, sich alles im Büro einzuprägen, um für den eigentlichen Einsatz besser vorbereitet zu sein. 

Die Jagd hatte gerade erst begonnen.


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