9 Nachtschatten

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»Die Scherben«, sagte der Dämon und es fühlt sich an, als würden die Worte in Orlas Fleisch schneiden.

»Natürlich, Sir.« Sie nickte unterwürfig, während sie gegen die Beklemmung in ihrer Brust ankämpfte, die der Bass seiner Stimme auslöste. Erleichtert stellte sie fest, dass er zumindest die unsichtbaren Fesseln gelöst und ihr die Kontrolle über ihren Körper zurückgegeben hatte. Sie schnappte sich einen Mülleimer und eilte zu den traurigen Überresten des Blumengestecks. 

»Wenn sie schon mal hier ist, kann sie mir doch sicher auch etwas zu Essen besorgen«, hörte sie die Fremde sagen, während sie mit zittrigen Fingern die wenigen Blumen aussortierte, die den Sturz überlebt hatten. »Ich sterbe vor Hunger.«

Dass der Kingsley-Sohn nicht auf den Vorschlag seiner Begleitung reagierte, irritierte Orla. Suchend blickte sie sich um und entdeckte ihn am Regal vor dem Bild seines Vaters. Zunächst sah es so aus, als würde er es herausnehmen wollen, doch dann klappte er den Rahmen um und legte ihn mit dem Foto nach unten hin. 

»Ich könnte glatt einen ganzen Codor verschlingen«, sagte die Frau, offenbar völlig unberührt davon, dass sie mit sich selbst redete. »Oder einen Dwamelischen Tux. Aber ich nehme mal an, der ist in diesen Breitengraden schwer zu bekommen.« 

»Es tut mir leid«, antwortete Orla. »Um diese Zeit ist die Küche schon geschlossen, Ma’am. Sobald ich hier fertig bin, kann ich aber gerne nachsehen, was wir an kalten Häppchen da haben.« Noch immer verspürte sie ein taubes Kribbeln in ihrem Körper und die Vorstellung, sich länger in der Gegenwart der beiden Dämonen aufzuhalten, gefiel ihr ungefähr so gut wie in Reißzwecken zu baden. Doch sie wollte den Herrschaften keinen weiteren Grund zur Klage geben, also würde sie ihnen brav jeden noch so abwegigen Wunsch erfüllen.

Nachdem sie das Blumenwasser weggewischt und die übrigen Blüten behutsam, aber stümperhaft auf dem leeren Sockel drapiert hatte, kümmerte sie sich um die offenen Fenster. Dabei versuchte sie, Samael Kingsley so unauffällig wie möglich im Auge zu behalten, stets darauf bedacht, ihm keinesfalls den Rücken zuzudrehen. 

Sein Schweigen war unheimlich. Sein Umherschleichen sowieso. So verhielt sich niemand, der in sein Zuhause zurückgekehrt war. Er wirkte wie ein Geist, der sich aus Versehen in die Mauern von Thornwood verirrte hatte und nicht so recht hierher passen wollte. 

Selbst seine Begleitung schien sich heimischer zu fühlen als er. Summend hatte sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht und ihre Füße auf dem Tisch ausgestreckt. »Die Vögel«, rief sie und fuchtelte mit der Hand in Orlas Richtung. »Scheuch sie weg. Der Lärm ist unerträglich.«

Orla sah sich verwundert nach den angeblichen Störenfrieden um und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was die Frau meinte: Ein paar Tauben hatten Unterschlupf auf dem Fensterbrett gesucht und gurrten leise vor sich hin.

»Tut mir leid«, flüsterte Orla ihnen zu und scheuchte sie behutsam mit den Händen weg. »Ihr müsst euch einen anderen Schlafplatz suchen.« Schmunzelnd sah sie ihnen dabei zu, wie sie sich ein paar Fenster weiter auf einem Vorsprung niederließen und dicht aneinandergedrängt ihr Gurren fortsetzten, die Federn aufgeplustert gegen den kalten Wind der Nacht. 

Es hatte etwas Friedliches und etwas Trauriges zugleich. Orla hatte nie verstanden, warum diese liebenswerten Tiere so viel Hass auf sich zogen. Warum man sie vergiftete, aushungerte oder mit Metallspießen drangsalierte, um sie aus dem Stadtbild zu tilgen, während man sie gleichzeitig als Friedensbringer und Glücksboten auf Hochzeiten feierte. 

»Vergebt uns …«, murmelte sie vor sich hin, während sie die Fenster schloss. »Denn wir wissen nicht, was wir tun.«

»Was hast du gesagt?« Die Stimme der Dämonin klang unangenehm schrill.

»Nichts, Ma’am.«

»Nur raus mit der Sprache. « 

Ein seltsames Gefühl machte sich in Orlas Kopf breit – ein Druck, der vom Nacken hoch in die Schläfe stieg. »Ich dachte nur gerade daran, dass manche glauben, die Seelen der Verstorbenen würden als Tauben in die Lüfte steigen«, antwortete sie und prompt ließ der Druck nach. »Ich finde, das ist ein schöner Gedanke.«

»Diese Dreckschleudern?« 

»Der schlechte Ruf von Tauben basiert auf längst widerlegten Mythen, Ma’am.« Eigentlich hatte Orla keine Lust, die Diskussion zu vertiefen, doch es lag nicht in ihrer Natur, Vorurteile unkommentiert stehen zu lassen. Zudem war der Drang zu kontern ungewöhnlich heftig.

»Wie auch immer.« Die Dämonin sah sich gelangweilt nach einer Beschäftigung um. »Es sind dumme, hässliche Kreaturen. Wie die immer glotzen und dann diese dämliche Kopfbewegung, wenn sie laufen.«

»Tauben sind viel klüger, als man allgemein denkt.«

»Sagt wer?« 

»Jeder, der Ahnung hat.« Orla zuckte zusammen. Wieso hatte sie das gesagt? Schnell versuchte sie den Fauxpas mit einem kleinlauten Ma’am und einem Knicks auszubügeln, doch die Dämonin hatte sich bereits erhoben und Kurs auf sie zu genommen. 

»Und du hast also Ahnung?« Sie stemmte die Hände in die Seiten.

»Sei nachsichtig mit ihr, Cilla«, ertönte die Stimme von Samael Kingsley direkt hinter Orla. »Sie gehört offenbar zu der Sorte Mensch, die in allem etwas Bedeutsames sehen. Vom kleinsten Kiesel bis zum größten Baum. In allem steckt Sinn. In allem steckt Magie.« Er tat ein paar Schritte auf Orla zu und bedachte sie mit einem abfälligen Lächeln. »Sie kann nicht anders, als sich ständig einzureden, dass jedes Leben wertvoll und besonders ist. Denn wenn sie das nicht täte, müsste sie der traurigen Wahrheit ins Gesicht sehen – der Erkenntnis, dass ihr eigenes Leben klein und bedeutungslos ist.« Mit wachen Augen studierte der Dämon Orlas Regungen. »So bedeutungslos wie ein Staubkorn.«

Orla presste die Lippen zusammen. Doch je mehr sie den Reflex zu kontern unterdrückte, umso schmerzhafter breitete sich der Druck von den Schläfen über den gesamten Kopf aus.

»Im Grunde geht es euch Menschen doch nur darum, euch von der Trostlosigkeit eurer nichtigen Existenz abzulenken«, fuhr der Dämon fort und Orla glaubte, winzige Funken in seinen Augen zu sehen.

Trotzig hielt sie seinem Blick stand. Auch wenn es sie all ihre Kraft kostete, die Kränkung zu verstecken – sie war fest entschlossen, ihm diesen Triumph nicht zu schenken. 

Es dauerte die erdrückende Ewigkeit einiger Herzschläge, bevor er endlich von ihr abließ. »Mein Vater hat übrigens mal jemanden einsperren lassen, weil er Taubenkot gestohlen hatte«, sagte er an seine Begleitung gerichtet. Gelassen schlenderte er zum Kamin und zündete mit einer kurzen Handbewegung durch die Luft das Holz an. 

»Wer klaut denn bitte Taubenscheiße?«, fragte die Fremde und verzog das Gesicht. 

»Du wirst lachen, aber das war mal begehrter Dünger. Wir mussten unsere Taubenschläge Tag und Nacht bewachen lassen.« Samael stocherte mit dem Feuerhaken in den züngelnden Flammen herum.

»Lass uns nicht mehr von diesen widerlichen Biestern sprechen.« Die Dämonin tänzelte zu ihm, griff nach seiner Hand und zog ihn Richtung Couch. »Es gibt so viel schönere Dinge, die wir tun könnten.«

Endlich sah Orla ihre Chance, den beiden und dieser unsäglichen Situation zu entkommen. Vorsichtig schlich sie Richtung Tür. Der Druck in ihrem Kopf fühlte sich mittlerweile an, als hätte jemand ihre Stirn mit einem Presslufthammer malträtiert. Seufzend massierte sie mit den Fingern ihre Schläfe. Das musste diese Bullshit-Allergie sein, unter der sie immer dann litt, wenn man ihr gegenüber mit besonders übler Arroganz glänzte. Wie erbärmlich es doch war, andere kleinzumachen, um sich selbst groß zu fühlen.

»Wie war das?«, rief die Dämonin.

Erschrocken blieb Orla stehen. 

Hatte sie das gerade laut gesagt? 

»Verzeihung.« Sie räusperte sich. »Wenn die Herrschaften keinen weiteren Wunsch haben, würde ich ….« 

Doch die Dämonin war sofort zur Stelle und versperrte ihr den Weg. »Wen nennst du erbärmlich?«

Der Schmerz in Orlas Kopf wuchs ins Unerträgliche. »Es tut mir leid, ich …« Sie spürte, wie ihr die Kontrolle über ihre eigenen Worte entglitt. »Das bezog sich auf …«

»Ja?«

»Ich habe nicht …«

»Komm schon, sag es!«

Für einen Moment fühlte es sich an, als verstopften Orlas Gedanken ihre Kehle. Wenn sie sich weiterhin weigerte, sie auszusprechen, würde sie qualvoll an ihnen ersticken. Verzweifelt rang sie nach Luft, während sie gleichzeitig versuchte, die Worte im Zaum zu halten, die sich wie eine lodernde Zündschnur aneinanderreihten. »Ich kann …«, murmelte sie und ballte die Hand zur Faust. »Ich kann es nicht ertragen, wenn sich Ignoranz so dreist mit Hochmut schmückt.«

Auf die Erleichterung, es endlich ausgesprochen zu haben, folgte bleiernes Schweigen. Nur das Knistern des Kamins war zu hören. Orla dachte an die trügerische Ruhe vor einem Tsunami – wenn sich das Wasser langsam zurückzog, doch die Bedrohung schon längst in der Luft schwelte. »Ich hatte gehofft, meinen Standpunkt mit Argumenten verteidigen zu können«, murmelte sie in die Stille hinein, unfähig die Worte zu zähmen, die aus ihr heraussprudelten. »Aber niemand hier scheint an der Wahrheit interessiert zu sein. Stattdessen wurde ich belächelt und gedemütigt.«  

Die Dämonin betrachtete Orla mit zusammengekniffenen Augen. »Wie heißt du?«, fragte sie in beängstigend ruhigem Ton.

»Orla, Ma’am … Orlanna Davis.«

»Orlanna, …« Sie schnalzte mit der Zunge. »Was lässt dich glauben, dass mich deine Meinung in irgendeiner Weise interessiert? Dass das, was aus deinem Mund kommt, irgendeine Relevanz für mich hat?«

Wie gerne hätte Orla geschwiegen. Wie gerne den Pausenknopf gedrückt und zurück auf Anfang gespult. Doch diese Option gab es nicht. Der Drang, der sich in ihrer Brust breit machte, langsam die Kehle hochschlich und schließlich ihre Zunge lockerte, war übermächtig: »Ich bin fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es in der Natur höher entwickelter Wesen liegt, möglichst viele Perspektiven in ihr komplexes Denken mit einzubeziehen und Informationen unabhängig von ihrer Herkunft zu beurteilen. Schließlich werden die Herrschaften nicht müde, Ihre Überlegenheit gegenüber dem schlichten menschlichen Geist zu betonen.“

»Schau sich einer dieses aufmüpfige kleine Ding an.« Samaels Begleitung lachte verblüfft. „Ganz schön frech für ein Dienstmädchen.«

»Sie haben gefragt, ich habe geantwortet, Ma’am.« 

Was zum Teufel war los mit ihr? 

Es war, als hätte jemand von ihr Besitz ergriffen und würde sie zwingen, alles ungefiltert in die Welt zu senden.

Die Fremde blickte zu Samael und wieder zurück zu Orla. »Wie kommt es, dass sich ein erbärmlicher Mensch wie du so überlegen fühlt?«

»Ich würde mir nie anmaßen, meinen Platz in diesem Haus infrage zu stellen, Ma’am.« 

»Und doch liegt da diese trotzige Überheblichkeit in deinem Blick.«

Instinktiv senkte Orla den Kopf, um keine Angriffsfläche zu bieten.

»Glaubst du wirklich, du bist schlauer als wir alle?«, fragte die Dämonin und kam ihr gefährlich nah.

Orla presste ihre Faust so fest zusammen, dass sich ihre Fingernägel in der Haut bohrten. Doch es gelang ihr nicht, den Impuls einer Antwort zu unterdrücken. »Als Untergebene steht es mir nicht zu, an Ihrem Intellekt zu zweifeln, Ma’am«, sagte sie und versuchte vergeblich, das Beben in ihrer Stimme zu kontrollieren. »Jemand von ebenbürtigem Rang könnte Ihnen jedoch eine gewisse Bequemlichkeit im Denken unterstellen.«

Die Stille, die folgte, glich der Stille nach einem Schuss – dem Moment, in dem sich der Rauch des Revolvers langsam verzog, um der Gewissheit Platz zu machen, dass die Dinge unwiederbringlich zerstört waren. 

Wenn Orla jetzt die Augen schloss und wieder öffnete, würde sich das Ganze hoffentlich als schlechter Traum entpuppen. Nell würde sie verschlafen anlächeln und alles wäre gut. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Denn sollte sie nicht in einem Albtraum, sondern in der Wirklichkeit gefangen sein, gehörte das, was sie eben gesagt hatte, in die Kategorie berühmte letzte Worte.

Der Blick der Fremden wanderte erneut zu Samael, fast so, als forderte sie Schützenhilfe von ihm. Stattdessen bekam sie ein seltsam unpassendes Lächeln zur Antwort. Eine Mischung aus Belustigung und Erstaunen. 

Orla ahnte den Grund. Dass sie es geschafft hatte, sich in so kurzer Zeit und allein mit Worten ein so tiefes Grab zu schaufeln, war schon eine meisterhafte Leistung. Die Frage war nur, wer von den beiden ihr den letzten Stoß verpassen und damit ihr Ende besiegeln würde.

»Was glaubst du, wer du bist …«, zischte die Dämonin. Entrüstet trat sie einen Schritt zurück und hielt wie aus dem Nichts den Schürhaken in der Hand. 

Doch bevor sie ihre Waffe einsetzen konnte, erstarrte sie in der Bewegung – das Gesicht wutverzerrt, die schmiedeeiserne Stange wie ein Damoklesschwert in der Luft.

Ungläubig hob Orla ihren Kopf und starrte auf den Schürhaken über sich. Sie spürte ihr Herz in den Venen pochen, während ihr Blick zurück zu der eingefrorenen Gegnerin wanderte. Die letzten Minuten hatten sich angefühlt wie eine Talfahrt ohne Bremsen. Dass der unvermeidliche Aufprall nun ausblieb, wollte ihr Körper noch nicht so recht glauben. 

Stumm beobachtete sie Samael, wie er seiner Begleiterin die Waffe abnahm und damit zum Kamin spazierte. 

»Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst«, rief er ihr über die Schulter zu. 

Orla nickte, war jedoch nicht in der Lage, sich zu rühren. 

»Worauf wartest du?« Seine Worte schienen wie Zunder für das Feuer, das bedrohlich im Kamin aufflammte. Seltsamerweise wirkte der Gluttanz nicht wie eine Warnung – eher wie die Einladung, noch ein Weilchen zu bleiben. Das Knistern schien ihren Namen zu flüstern, die Flammen gierig nach ihr zu greifen. 

»Ja, Sir«, murmelte Orla und zwang sich, wegzusehen. 

Muskel für Muskel löste sich die Starre, doch es dauerte einige Schritte, bis sie die Kontrolle über ihren Körper zurückgewonnen hatte. 

Den Impuls, sich ein letztes Mal umzudrehen, würgte sie nach einigem Zögern hinunter. Kein Blick zurück würde die Verwirrung entheddern, die ihren Geist lähmte. Wenn sie nicht erneut auf ihrem Leichtsinn ausrutschen wollte, war sie gut beraten, sicheren Boden aufzusuchen und nur noch nach vorne zu sehen.